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FILME DES “GOLDENEN ZEITALTERS”

Das Werk des indischen Regisseurs Bimal Roy

Von Sonja Majumder

Die späten 40er Jahre bis zu den frühen 60er Jahre gelten als das Goldene Zeitalter des Hindi-Kinos. Die Filme, die in dieser Zeit direkt nach der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht 1947 entstanden, waren geprägt von den Überzeugungen und Werten Mahatma Gandhis und Jawaharlal Nehrus, Indiens erstem Premierminister, mit dessen Regierungszeit sich diese filmhistorische Periode auch deckt.

In dieser Zeit, in der es noch keine Trennung zwischen kommerziellem und arthouse-Kino gab, entstanden Filmklassiker, die in Indien regelmäßig die oberen Plätze von Bestenlisten besetzen und Filmlieder, die zu Evergreens wurden. Die Filmemacher jener Ära versahen ihre Werke mit ihrer jeweils ganz eigenen Handschrift und schufen Liebesfilme und Komödien ebenso wie Adaptionen literarischer Stoffe und Historiendramen; vor allem jedoch setzten sie sich in ihren Werken kritisch mit der sich im Wandel befindenden indischen Gesellschaft auseinander. Auch auf internationaler Ebene feierte das Hindi-Kino erste Erfolge, sowohl an den Kinokassen als auch auf Filmfestivals – Jahrzehnte bevor der Begriff „Bollywood“ überhaupt erfunden wurde. Gegenwärtige Regisseure blicken in Anbetracht der thematischen Vielfalt, des handwerklichen Könnens und der Leidenschaft, mit der damalige Filmschaffende ans Werk gingen, mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Stolz und Neid auf jene Jahre zurück.

Bimal Roy war, neben Raj Kapoor, Guru Dutt und Mehboob Khan, einer der bedeutendsten und prägendsten Regisseure dieser Zeit, die Generationen von folgenden Filmschaffenden beeinflussen sollte.

New Theatres – Die Anfänge in Kalkutta

Bimal Roy wurde 1909 in Ostbengalen, dem heutigen Bangladesh, geboren, in eine Familie wohlhabender Zamindars, oder Großgrundbesitzer. Doch nach dem Tod des Vaters verkehrte sich die finanzielle Lage der Familie ins Gegenteil, und Roy zog mit seiner Mutter und seinen jüngeren Brüdern nach Kalkutta. Dort fand er schließlich Anstellung beim Filmstudio New Theatres, wo er zunächst als Standfotograf für den berühmten Regisseur und Schauspieler P.C. Barua arbeitete, bevor er Kameraassistent von Nitin Bose wurde. Bose war der führende Kameramann der bengalischen Filmindustrie – er hatte 1928 die erste Devdas-Adaption gefilmt – und späterer Regisseur, der das Gesangs-Playback in die indische Filmindustrie einführen sollte. New Theatres zählte in den 30er und frühen 40er Jahren neben Bombay Talkies in Bombay und Prabhat in Pune zu den wichtigsten und einflussreichsten Filmstudios Indiens.

In jener Zeit war Bombay, das heutige Mumbai, noch nicht Zentrum, Dreh- und Angelpunkt der Hindi-Filmindustrie. Zwar war in Bombay 1913 der erste indische Spielfilm gedreht worden, doch bald darauf entstanden übers ganze Land verteilt Filmstudios und Produktionsfirmen. New Theatres und Prabhat drehten zweisprachig: In erster Linie produzierten sie Filme in den jeweiligen Regionalsprachen Bengali und Marathi. Von diesen wurden aber auch Hindi-Fassungen für den nordindischen Markt angefertigt, so dass sich ihr Einfluss weit über die Regionen Bengalen bzw. Maharashtra hinaus erstreckte.

Bei Daku Mansur, einer Regie-Arbeit seines Lehrers Nitin Bose, führte Bimal Roy 1934 erstmals selbst die Kamera. Fortan arbeitete als Kameramann, vor allem für P.C. Barua. Anfang der 40er Jahre drehte er zwei Dokumentarfilme im Auftrag der britischen Regierung – er sollte im Laufe seiner Karriere neben seinen Spielfilmen noch weitere Dokumentarfilme drehen (die heute nicht mehr erhalten sind), bevor er 1944 mit dem für New Theatres gedrehten Film Udayer Pathey sein Regie-Debut vorlegte. In den folgenden Jahren bildete sich langsam ein kreatives Team um ihn, deren Mitglieder wie eine zweite Familie für ihn wurden. Für den ein oder anderen von ihnen gab die Begegnung mit Roy den Ausschlag für ihre Arbeit beim Film, wie im Falle des Schriftstellers Nabendu Ghosh, den Roy dazu ermutigte, sich am Drehbuchschreiben zu versuchen. Oder Nazir Hussain, der Roy die Geschichte für Pehla Admi (1950) lieferte, basierend auf seinen Erfahrungen bei der Indian Freedom Army des Freiheitskämpfers Subhas Chandra Bose – und den Roy kurzerhand als Schauspieler verpflichtete.

Bombay: Als Regisseur und Produzent in der Hindi-Filmindustrie

Durch die Teilung Indiens 1947 wurde Ostbengalen zu einem Teil Pakistans. Dadurch brach der Absatzmarkt für bengalische Filme ein, ein Umstand, der der bengalischen Filmindustrie, die durch die größer werdende Konkurrenz aus dem westlichen Indien ohnehin unter finanziellem Druck stand, zusätzlich zusetzte und 1955 auch zum Ende von New Theaters führen sollte. Ab Ende der 40er Jahre zog es daher viele Filmschaffende der Bengali-Filmindustrie gen Westen. 1951 nahm Bimal Roy das Angebot an, einen Film für Bombay Talkies zu drehen und siedelte nach Bombay um. Sein Team, neben Nabendu Ghosh und Nazir Hussain sein Assistent Asit Sen, sein Dialog-Schreiber Paul Mahendra und sein Cutter Hrishikesh Mukherjee, begleitete ihn in die fremde Stadt. Eine Zeitlang lebten sie dort alle gemeinsam unter einem Dach.

Nachdem Maa (1952), sein Film für Bombay Talkies, fertig gestellt war, bekam die kreative Truppe um Roy weiteren Zuwachs: Kamal Bose, der Kameramann seines nächsten Filmes Parineeta (1953), sollte zukünftig im Wechel mit dem etwas später hinzukommenden Dilip Gupta die Kameraarbeit bei Roys Filmen übernehmen. Noch während der Dreharbeiten zu Parineeta gründete Roy seine eigene Produktionsfirma. Die Geschichte von Do Bigha Zameen, seiner ersten eigenen Produktion, die im selben Jahr wie Parineeta in die Kinos kam, stammte von Salil Chowdhury, der zudem die Musik des Filmes schrieb und neben S. D. Burman Roys bevorzugter Komponist bleiben sollte.

Die Mitglieder von Roys Team beschränkten sich nicht nur auf ihre eigentlichen Aufgaben, sondern brachten sich auch in andere Arbeitsgebiete mit ein. So stammt das Drehbuch von Do Bigha Zameen von Hrishikesh Mukherjee, während Salil Chowdhury das Drehbuch zu Prem Patra (1962) schrieb. Szenen und Dialoge wurden in der ganzen Gruppe zur Diskussion gestellt – stand das Drehbuch einmal wurde jedoch nichts mehr daran geändert. Neben Nazir Hussain, der in vielen Roy-Filmen als Charakterdarsteller zu sehen ist, spielte auch Asit Sen kleinere Rollen. Auch Paul Mahendra und Nabendu Ghosh übernahmen kleine Rollen oder tauchten als Statisten auf - übrigens ebenso wie Roys Ehefrau Manobina und seine Tochter Rinki, die in Statistenrollen in Parineeta zu sehen sind.

Der Roy-„Touch“

Mit Do Bigha Zameen hatte sich Roy entgültig als einer der wichtigsten Filmemacher des Hindi-Kinos etabliert - ein Ruf, den er mit seinen weiteren Filmen festigte. In diesen befasste er sich mit unterschiedlichsten Themen und wandte sich verschiedenen Genres zu. Mit dem Namen Bimal Roy werden heute vor allem sozialkritische Filme in Verbindung gebracht: Als ein „romantischer Idealist“ beschrieben, dem die Situation benachteiligter Bevölkerungsgruppen besonders am Herzen lag, setzte er sich oft mit gesellschaftlichen Missständen auseinander –  ob mit Armut in Do Bigha Zameen, Arbeitslosigkeit in Naukri (1954) oder mit dem Thema „Unberührbarkeit“ in Sujata (1959). Ihn darauf zu reduzieren hieße aber, große Teile seines Werkes – und ein paar seiner besten Filme -  außen vor zu lassen. Neben seinen gesellschaftskritischen Filmen widmete er sich vor allem Literaturadaptionen. Er verfilmte drei Werke des bengalischen Schriftstellers Sharatchandra Chattopadhyay: neben seiner eigenen Version von  Devdas (1955), die auch heute noch als die beste Adaption des literarischen Stoffes gilt, Parineeta (1953) und Biraj Bahu (1954). Auch Bandini (1963), seine letzte Regie-Arbeit, beruht auf einer Literaturvorlage. Darüber hinaus drehte er unter anderem einen Historienfilm (Yahudi, 1958), wandte sich mit Parakh (1960) der Satire zu und schuf mit Madhumati (1958) gar ein Reinkarnationsdrama.

Auch wenn Roy nun in der Hindi-Filmindustrie in Bombay arbeitete, behielten seine Filme einen starken bengalischen Touch. Der bengalische Filmkritiker und –historiker Chidananda Dasgupta merkte dazu an: "He did in Bombay what New Theatres would have done in Calcutta if it had continued […]". Er brachte seine in Kalkutta entwickelte cineastische Sensibilität in seine Bombay-Filme ein und setzte mit seinen Literaturverfilmungen eine Tradition der bengalischen Filmindustrie fort. Der bengalische Anstrich seiner Filme wurde gestärkt durch die Kompositionen Salil Chowdhurys und S. D. Burmans, die in ihre Lieder für Roys Filme oft Einflüsse bengalischer (Volks-)Musik einarbeiteten.

Seinen Filme gemein, so unterschiedlich sie inhaltlich auch sein mögen, sind ruhige, poetische Bilder, ein Spiel mit Licht und Schatten und Naturaufnahmen, mit denen Roy das Wesen und die Gefühle seiner Protagonisten unterstrich. Auffallend sind die Tiefe und Mehrdimensionalität seiner weiblichen Figuren, die in vielen seiner Filme, wie Madhumati, Sujata oder Bandini, eine zentrale Rolle spielen. Roy war, folgt man den Berichten über ihn, ein ruhiger, gelassener Mann weniger Worte. Dies spiegelt sich auch in seinen Filmen wieder: Beruhen Hindi-Filme in der Regel sehr auf Rede und Text, schuf Roy in seinen Filmen immer wieder Momente der Stille, in denen seine Bilder Dialoge ersetzen.

Er verstand es, mit leichter Hand künstlerischen Anspruch und kommerzielle Anforderungen unter einen Hut zu bringen: Gesang- und Tanzelemente sowie den aus westlicher Perspektive melodramatischen Ton des Hindi-Kinos glich er mit seinen stillen Momenten, seiner lyrischen Bildsprache und seiner Schauspielführung aus. Hatte er in Udayer Pathey noch mit unbekannten Schauspielern gearbeitet, verpflichtete er in Bombay vor allem etablierte Stars, wie Balraj Sahni, Dilip Kumar, Nutan, Vyjayanthimala, oder Ashok Kumar. Die Auftritte in Roys Filmen zählen zu ihren besten Schauspielleistungen.

Kino im Wandel – die letzten Jahre

Anfang der 60er Jahre kam mit Bandini nicht nur Bimal Roys letzter Film in die Kinos, auch zwei der drei anderen großen Regisseure des Goldenen Zeitalters, Mehboob Khan und Guru Dutt, schufen in dieser Zeit ihre letzten Werke.

In den 60er Jahren veränderte sich das Hindi-Kino. Immer weniger standen Protagonisten, die sich mit einer wandelnden, ihnen feindlich gesinnten Gesellschaft auseinandersetzen mussten, im Zentrum der Filme. Stattdessen wandten sich Filmemacher zunehmend „leichteren“ Geschichten zu, in deren Mittelpunkt unbeschwertere Figuren aus wohlhabenderen Schichten standen, deren Nöte weniger mit gesellschaftlichen Umständen zusammenhingen, vielmehr rein individueller Natur waren. Durch den Einzug haltenden Farbfilm rückte das Interesse der Filmemacher weiter weg von den inneren Zuständen von Charakteren und hin zur Präsentation spektakulärer Aufnahmen prächtiger Landschaften, blühender Gärten und aufwändiger Ausstattung. Diese Entwicklung verstärkte noch die sich bereits vollziehende Aufteilung in Filme, die vor allem der Unterhaltung dienen sollten einerseits, und Werke mit künstlerischen Anspruch andererseits. Der Tod dreier seiner wichtigsten Regisseure besiegelte das Ende des Goldenen Zeitalters schließlich entgültig: 1964 starben Mehboob Khan und Guru Dutt, zwei Jahre später nach langer Krankheit auch Bimal Roy.

Die Mitglieder seines Teams blieben nach seinem Tod weiterhin, oft auch in Zusammenarbeit, in der Hindi-Filmindustrie tätig - einige von ihnen äußerst erfolgreich. Diejenigen von ihnen, die sich der Regie zuwandten, brachten Roys cineastisches Verständnis in ihre eigenen Arbeiten ein und führten so, jeder auf seine Weise, Roys Art des Filmemachens fort. Roys Cutter Hrishikesh Mukherjee wechselte bereits Ende der 50er ins Regiefach und wurde selbst ein berühmter Filmemacher. Er gilt als Pionier und wichtigster Vertreter des sogenannten „Middle Cinema“, das sich ab Ende der 60er Jahre zwischen dem zunehmend spektakelhaften, kommerziellem Unterhaltungskino und dem realistischen, sich mit ernsten Themen befassenden Autorenfilm (später als „Parallel Cinema“ bezeichnet) positionierte. Nazir Hussain blieb ein gefragter Charakterdarsteller, dessen Karriere bis in die 80er Jahre anhielt, Asit Sen etablierte sich als Komödianten-Darsteller. Beide sind, wie auch Paul Mahendra, in vielen von Mukherjees Filmen zu sehen. Basu Bhattacharya und Gulzar, die Roy assistiert hatten, wurden ebenfalls erfolgreiche Regisseure. Gulzar ist zudem ein angesehener Drehbuchautor und Dialogeschreiber - viele von Mukherjees Filmen basieren auf seinen Drehbüchern – und einer der renommiertesten Liedtexter der heutigen Hindifilm-Industrie.

Roys filmischer Nachlass wird heute von seinen vier Kindern Rinki Roy Bhattacharya, Yashodara Roy, Aparajita Sinha und Joy Bimal Roy verwaltet. Vererbt hat Roy ihnen nur sein Werk, sondern auch die Liebe und Leidenschaft für Filme und fürs Kino.

Bimal Roy wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden – vermutlich, denn sein genaues Geburtsdatum ist ungeklärt. Seit seinem Wirken hat das Hindi-Kino viele Veränderungen durchlaufen, sei es in seiner Ästhetik oder seinen Inhalten, bis hin zu seinem heutigen Avatar als „Bollywood“.

Dennoch ist auch über 40 Jahre nach seinem Tod sein Werk mehr als nur ein wichtiger Teil der Hindi-Filmgeschichte, auf den mit Hochachtung zurückgeblickt wird. Sein Einfluss auf gegenwärtige Filmschaffende ist greifbar: Für so gegensätzliche Regisseure wie den auf lange, epische Werke spezialisierten Ashutosh Gowariker (Lagaan) und der Masala-Verfechterin Farah Khan (Om Shanti Om) stellen Roys Filme ganz konkret eine Quelle der Inspiration dar.

Für das westliche Publikum, das mit „Bollywood“ meist eine bestimmte Art von Hindi-Film verbindet, aber auch für viele junge Menschen in Indien, die sein Werk nicht kennen, eröffnet sich mit Roys Filmen ein neuer, etwas anderer Blick auf die große, traditionsreiche Hindifilmindustrie.

(Mit freundlicher Genehmigung des Metropolis-Kino, Hamburg, in dessen Katalog zur Bimal-Roy-Werkschau im  Oktober 2009 dieses Essay erschienen ist.)

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