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NEUES HINDI-KINO

Anurag Kashyap

von Sonja Majumder

 

Als der britische Regisseur Danny Boyle 2009 zu seinem Film Slumdog Millionär interviewt und dabei gefragt wurde, ob er sich im Vorfeld der Dreharbeiten denn mit dem Hindi-Kino befasst habe, antwortete er: "Ein bisschen schon", und er sei angetan von dessen Lebendigkeit. Dann fügte er hinzu: „Außerdem, und das wird hier kaum wahrgenommen, gibt es dort auch einige wundervolle Regisseure, die ernste Filme machen. Wie zum Beispiel Black Friday von Anurag Kashyap, ein fantastischer Film über die Bombenattentate 1993 in Bombay.“

Während die Aufmerksamkeit des Westens in Bezug auf indisches Kino im letzten Jahrzehnt vor allem auf den Hindi-Mainstream-Film gerichtet war, hat sich in Bombay nach dem Niedergang des „Parallel Cinema“ in den 80er Jahren inzwischen erneut eine alternative Kinobewegung entwickelt. Von den indischen Medien manchmal als „Hindie-Film“ – ein Portmanteau aus „Hindi“ und „Independent“  - bezeichnet, gehen die mit ihr assoziierten Filmemacher, meist ausgestattet mit schmalem Budget, sowohl inhaltlich als auch ästhetisch neue Wege. Das internationale Kino im Blick, sind ihre Filme thematisch universell, aber gleichzeitig sehr verortet in den sozialen Realitäten Indiens. Oft beleuchten sie die dunkleren Seiten der indischen Gesellschaft, und zwar in einer Radikalität und Konsequenz, die man im Mainstream-Kino in der Regel vergeblich sucht.

Dem Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten Anurag Kashyap kommt in dieser neuen Independent-Bewegung des Hindi-Kinos eine besondere Rolle zu. Er ist Vorkämpfer, Wegbereiter, wichtiger Motor und damit, in gewisser Hinsicht, "Pate" des neuen Nicht-Mainstreamfilms.

So waren seine Posts das Aushängeschild des mittlerweile nicht mehr existierenden Blogs  "Passion for Cinema", einer Plattform, auf der sich Kinobesessene und Filmschaffende über Filme austauschten, leidenschaftlich diskutierten und Regisseure Einblick in ihre Arbeit gaben. Mit Kashyap als einer der treibenden Kräfte entstand eine virtuelle Community von Verfechtern und Unterstützern eines Kinos jenseits des Mainstreams, aus der mehr als nur ein Nachwuchsfilmemacher hervorging.

Denn natürlich gibt es neben Kashyap noch weitere Regisseure der neuen Welle des Independent-Hindi-Films, beispielsweise Dibakar Banerjee. Doch ist Kashyap der exponierteste unter ihnen, nicht zuletzt, weil er nicht müde wird, sich öffentlich gegen die Strukturen der Hindi-Filmindustrie mit ihrem alles bestimmenden Starsystem und den in ihr weit verbreiteten Nepotismus auszusprechen. Immer wieder prangert er die Missachtung von wirklichem Talent, die Mittelmäßigkeit vieler Produktionen und den fehlenden Mut von Produzenten und Schauspielern an, was ihm den Ruf des Enfant Terrible des Hindi-Kinos eingebracht hat. Ein Ruf, der durch seine kompromisslosen Filme und seine Weigerung, sich trotz vieler Rückschläge den Konventionen der Hindi-Filmindustrie zu beugen, noch unterstrichen wurde.

Kashyaps Werk umfasst mittlerweile acht Kinofilme, darunter Thriller, ein Animationsfilm für Kinder, düstere Dramen und eine Literaturadaption. Viele seiner Filme, die sich oft durch starke Noir-Einflüsse auszeichnen, sind von zerrissenen Figuren geprägt, erzählen von selbstzerstörerischen Protagonisten im Kampf mit sich und ihrer Umwelt. Auffallend sind dabei seine starken Frauenfiguren. Wie die anderen dem Hindi-Independent-Kino zugeordneten Filmemacher verzichtet er weitgehend auf Stars und arbeitet vorzugsweise mit unbekannten Schauspielern.

Kashyaps Arbeiten erfahren schon länger internationale Beachtung; sie werden auf den großen Filmfestivals gezeigt und erregen die Aufmerksamkeit europäischer und amerikanischer Filmverleihe. Die internationale Anerkennung hat sicher dazu beigetragen, dass er sich mittlerweile auch in der Hindi-Filmindustrie Respekt verschafft hat.

Der Weg dorthin ist für Kashyap jedoch alles andere als einfach gewesen; seine Karriere als Regisseur war zunächst von Rückschlägen, Kämpfen und Niederlagen geprägt.

Anurag Kashyap, Jahrgang 1972, wurde in der nordindischen Stadt Gorakhpur geboren und wuchs unter anderem in Varanasi auf. Nach einem Studium in Delhi kam er 1993 nach Bombay und fand Arbeit als Drehbuchautor, zunächst fürs Fernsehen. Ein paar Jahre später schrieb er gemeinsam mit Saurabh Shukla für den Regisseur Ram Gopal Varma das Drehbuch zu Satya, einem Film über die Unterwelt von Bombay, der 1998 im damals von Familiendramen und Liebesfilmen dominierten Hindi-Kino für Furore sorgte und heute als einer der wichtigsten Filme der 90er Jahre gilt. Mit dem Drehbuch zu Kaun?, einem Psychothriller, folgte 1999 eine weitere Zusammenarbeit mit Varma. Auch in den folgenden Jahren blieb er parallel zu seiner Arbeit als Regisseur weiterhin als Autor für andere, durchaus auch dem Mainstream-Kino zuzuordnende, Filmemacher tätig. So schrieb er unter anderem die Dialoge für Yuva (2004), einen Film des großen südindischen Filmemachers Mani Ratnam, Water (2005), ein Film der indo-kanadischen Regisseurin Deepa Mehta, und für die Karan-Johar-Produktion Kurbaan (2009).

Bereits 1999 legte er seine erste Regiearbeit vor, Last Train to Mahakali, einen 45-minütigen Kurzfilm, der im Fernsehen ausgestrahlt wurde. 2000 folgte dann mit Paanch sein Langfilm-Debüt. Doch dem Film über die Mitglieder einer Rockband, deren Plan, mit einer vorgetäuschten Entführung an Geld zu kommen, brutal daneben geht, wurde vom „Central Board of Film Certification“ die Freigabe verweigert. Die allgemein als „Censor Board“ bezeichnete staatliche Behörde begründete ihre Entscheidung unter anderem mit der Darstellung von Gewalt und Drogenkonsum sowie der Sprache des Films. Während Paanch seither auf einigen Filmfestivals gezeigt wurde, u.a. 2003 auf dem Filmfest Hamburg, ist er in Indien bis heute weder im Kino gelaufen noch auf DVD erschienen.

Bei seinem darauffolgenden Filmprojekt kam es erst gar nicht zu den Dreharbeiten, als Hauptdarsteller Anil Kapoor, ein Star des Hindi-Kinos, eine Woche vor Drehbeginn absprang. Und auch mit Black Friday, seiner nächsten Regiearbeit, sollte Kashyap Probleme bekommen. Die Verfilmung des gleichnamigen Buchs des Journalisten S. Hussain Zaidi über die Bombenanschläge vom 12. März 1993 in Bombay, hatte 2004 bereits auf mehreren Festivals (darunter Locarno, Busan und Hamburg) Beachtung gefunden, als Anfang 2005 schließlich der Kinostart in Indien anstand – und im letzten Moment per Gerichtsbeschluss ausgesetzt wurde. Nicht das Censor Board hatte Kashyap dieses Mal einen Knüppel zwischen die Beine geworfen, sondern ein Antrag einiger jener Personen, die der Verwicklung in die Anschläge angeklagt waren und im Film namentlich genannt werden. Da die Gerichtsverfahren noch nicht abgeschlossen waren, befürchteten die Antragsteller, der Film könne die öffentliche Meinung zu ihren Ungunsten beeinflussen. Der High Court von Bombay gab dem Antrag statt und ordnete an, dass eine Freigabe des Films erst nach Beendigung des Verfahrens erfolgen dürfe. So lief Black Friday schließlich erst 2007 in Indien an, zwei Jahre nach dem eigentlichen Starttermin. Ebenfalls 2007 folgten No Smoking, bis heute sein experimentellstes Werk, dessen Misserfolg mitunter mit unverhohlener Häme kommentiert wurde, und der Animationsfilm The Return of Hanuman. Dieser wurde von der Kritik zwar wohlwollend aufgenommen, doch beide Filme waren keine finanziellen Erfolge. Einen weiteren Film, den in Rajasthan spielenden Politthriller Gulaal, hatte er 2006, nachdem die Dreharbeiten bereits weit fortgeschritten waren, auf Eis legen müssen.

Nach all den Rückschlägen und Misserfolgen klebte an Kashyap mittlerweile nicht nur das Etikett des vom Pech verfolgten Regisseurs. Seine Kritiker, deren es aufgrund von Kashyaps wütender Tiraden nicht wenige gab, fühlten sich zudem darin bestätigt, ihn als Filmemacher nicht ernst nehmen zu müssen. Stimmen wurden laut, die ihm nahelegten, es mit dem Filmemachen doch besser bleiben zu lassen.

Dies sollte sich jedoch gründlich ändern, als 2009 Dev D. in die Kinos kam. Kashyaps im gegenwärtigen Delhi angesiedelte Adaption von "Devdas", der schon oft verfilmten Novelle des bengalischen Autors Sarat Chandra Chattopadhyay, wurde nicht nur von der Kritik bejubelt, sondern auch ein Erfolg an den Kinokassen. Die Filmindustrie horchte auf, allmählich stellte sich Anerkennung für Kashyaps Arbeit ein. Bestärkt wurde dies, als dann noch im selben Jahr sein mittlerweile fertiggestellter Film Gulaal in den Kinos anlief und ebenfalls gute Kritiken erhielt.

Mittlerweile ist Anurag Kashyap auch als Produzent tätig, und seine Produktionen sind regelmäßig auf den großen internationalen Filmfestivals zu sehen: 2010 lief Udaan, der Debütfilm seines langjährigen Mitstreiters Vikramaditya Motwane, in der Sparte "Un certain regard" bei den Filmfestspielen in Cannes. Ein paar Monate später stellte Kashyap seine eigene Regiearbeit That Girl in Yellow Boots in Venedig vor. Dort saß er im Jahr zuvor bereits in der Jury – und lernte Fatih Akin kennen, als dessen bekennender Fan sich Kashyap gerne outet. 2011 präsentierte er Michael, den Debütfilm des Regisseurs Ribhu Dasgupta, in Toronto.

Auch bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes war Kashyap vertreten. In der Sektion "Directors Fortnight", der "Quinzaine", präsentierte er seine neue Regiearbeit Gangs of Wasseypur, einen über fünf Stunden langen Zweiteiler, den Kashyap als sein bislang kommerziellstes Werk bezeichnet. Das sich über drei Generationen spannende Epos über die Kohlemafia im Bundesstaat Bihar wurde begeistert aufgenommen – und wird am 25. Juli regulär in Frankreichs Kinos anlaufen. In der Sektion "Critic’s Week" war zudem seine Produktion Peddlers zu sehen, der Debütfilm von Vasan Bala, einem der ehemaligen "Passion for Cinema"- Blogger.

Es tut sich also einiges in der Hindi-Filmindustrie. Independent-Filme werden nicht mehr nur als eine obskure Einzelerscheinung erachtet, mit der man sich nicht näher befassen muss, sondern zunehmend ernst genommen. Selbst Superstar Aamir Khan hat in den letzten Jahren mit seiner Produktionsfirma mit Peepli Live (2010) von Anusha Rizvi oder Dhobi Ghat (2010) von Kiran Rao Filme deutlich jenseits des Mainstreams produziert.

Aber auch das Mainstream-Kino befindet sich im Wandel: Regisseure wie Vishal Bhardwaj, Rajkumar Hirani, Zoya Akhtar, Imtiaz Ali oder Rakeysh Omprakash Mehra arbeiten zwar mit Stars, ordnen ihre Drehbücher diesen aber nicht unter; ihre Filme basieren in erster Linie auf starken Geschichten, statt auf dem Image der Schauspieler. Sie arbeiten mit den Konventionen des Hindi-Kinos, wie beispielsweise Gesang und Tanz, loten diese aber neu aus. Durch diese Filmemacher werden die einst so scharfen Grenzen zwischen reinem Unterhaltungskino und Kino mit Anspruch mehr und mehr verwischt. Die Bandbreite zwischen alternativem Film und Blockbuster-Kino ist so in den letzten Jahren angewachsen und es sieht so aus, als wird sie das auch in den kommenden weiter tun. Der Independent-Bewegung wird das nur zuträglich sein. Anurag Kashyap dürfte sich darüber freuen.

© Sonja Majumder - mit freundlicher Genehmigung des Metropolis-Kinos Hamburg, in dessen Katalog zur Anurag-Kashyap-Werkschau im Juli 2012 dieses Essay erschienen ist.

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